Sex nach der Geburt- Ein Abenteuer!
verfasst von Tamara Felbinger
Ich würde diesen Blog gerne so beginnen: Unendliche Liebe, Familienglück und Zufriedenheit. All das wartet auf euch nach der Geburt eines Kindes.
Tja das stimmt sicher auch, aber in Wirklichkeit beginnt das Leben als Frau* mit einem Kind eher so: Unfassbarer Schlafmangel, stinkende Windeln, brennende Brüste, Stimmungsschwankungen, Schmerzen im Intimbereich und erschreckenderweise ist auch Wochen nach der Geburt die eigene Unterhose immer wieder nass. Ist es nur der Angstschweiß, weil das Kind wieder 20 Minuten durchbrüllt, oder immer noch Urin, der beim Schunkeln des Babys, Niesen oder Husten im Slip landet? Keine Angst, beide Ursachen wären völlig normal und sind kein Grund zur Panik- aber dazu noch später. In den ersten Wochen mit einem Baby - sei es das erste Kind oder das zehnte - ist an Sex und Leidenschaft in den meisten Fällen nicht zu denken.
Oft sind die Paare sehr verbunden, sehr verliebt (ineinander und in das neue Lebewesen), aber Erotik und Lust rücken in den Hintergrund. Das ist ganz ok so und von der Natur auch so gewollt: „Hey- jetzt muss die ganze Konzentration und die volle Energie darauf gerichtet sein, das kleine Würmchen am Leben zu halten- Schluss jetzt mit unbändiger Leidenschaft und schmutzigem Sex!“
Nach einigen Wochen lernt sich die Familie kennen, findet einen halbwegs geregelten Alltag und langsam schwindet auch die große Anfangsaufregung. Das Thema Sexualität darf wieder Platz im Leben eines Paares finden. Oft verläuft das alles easy und problemlos. Sexuelle Lust und Neugierde lassen das Paar wieder zueinander finden und die Leidenschaft darf Teil des Familienalltags werden. Genauso oft ist das alles aber gar nicht so leicht.
Die Veränderungen des eigenen Körpers, Unsicherheiten, Stress, Schmerzen können wahre Lustkiller sein. Oft entsteht dadurch innerer oder gegenseitiger Druck, was die Situation nicht besser macht.
Auf Los geht’s Los
Medizinisch wird oft geraten, nach einer Geburt 6 Wochen bis zum ersten Geschlechtsverkehr zu warten. Der beste Zeitpunkt ist jedoch genau dann, wenn beide Partner LUST haben! Dann wenn die ZEIT es zulässt und ENTSPANNUNG möglich ist! Dann wenn beide NEUGIERIG aufeinander sind und sich auf das Erlebnis einlassen können. Das „erste Mal“ nach einer Geburt ist oft wirklich gleichzusetzen mit dem allerersten Mal, an das sich fast jeder Mensch auf positive oder negative Weise erinnern kann. Die Aufregung, den Körper neu zu entdecken, die Berührungen zu fühlen, die Neugierde wie es sein wird. All das braucht Sicherheit und trotzdem immer ein bisschen Mut. Deshalb mein Tipp: Stress raus! Wenn Geschlechtsverkehr nicht gleich klappt, dann andere Wege finden, sich zweisam Lust und Freude zu schenken. Der Fantasie sind da natürlich keine Grenzen gesetzt.
Sex =
Ist alles was der eigenen sexuellen Lust dient und kann ganz Vieles sein.
Der Fantasie sind keinen Grenzen gesetzt. Geschlechtsverkehr: Geschlechtsverkehr ist die Verbindung von Penis und Vagina oder Anus.
Vulva =
Die äußeren und sichtbaren Geschlechtsteile der Frau*. Vulvalippen, Klitoris, Vaginaleingang, Urinausgang.
Vagina =
Der innere Bereich vom Vaginaleingang bis zum Muttermund, welcher den Eingang zur Gebärmutter bildet.
Klitoris
Die Wunderwaffe der weiblichen Lust. Sie ist an der oberen Spitze sichtbar, verläuft aber unter den Vulvalippen entlang und besteht aus Schwellkörpern. Diese schwellen bei Lust und Erregung an und bilden mit der Lubrikation („feucht werden“) die weibliche Erektion, ohne die keine lustvolle Sexualität möglich ist.
Beckenboden
Der Beckenboden besteht aus drei Muskelschichten und bildet eine Art Hängematte in unserem Becken. Er erfüllt mehrere Aufgaben: Besonders hält er Blase, Gebärmutter und Darm an Ort und Stelle und er sorgt dafür, dass Urin und Stuhl nicht unkontrolliert abgehen.
Die Sache mit dem Schmerz
Geschlechtsverkehr nach einer Geburt tut nicht per se weh. Viele Frauen* entwickeln sehr schnell wieder die gleichen Empfindungen wie davor.
Mögliche Schmerzen stehen in Verbindung mit dem Geburtserlebnis an sich und den etwaigen Verletzungen. Je stärker der Damm und der Beckenboden durch die Geburt beeinträchtigt waren, umso länger braucht natürlich auch die Heilungsphase. Narben können spannen und schmerzen und die hormonelle Umstellung nach der Geburt und während des Stillens kann zu Trockenheit und Reizung der Schleimhäute im Vaginalbereich führen.Hier ist Sensitivität und behutsames Vorgehen gefragt.Das wichtigste dazu: NIEMALS SCHMERZEN IGNORIEREN!
Wird der Geschlechtsverkehr „durchgezogen“ obwohl die Frau* Schmerzen empfindet (oft mit dem Gedanken dem/der Partner*in damit etwas Gutes zu tun), kann dies zu einem Teufelskreis führen. Der Körper lernt schnell, dass Geschlechtsverkehr eine unangenehme Erfahrung war und der Beckenboden wird sich beim nächsten Versuch automatisch verkrampfen, Schmerzen werden häufiger und das führt natürlich meist zu einem Vermeidungsverhalten.
Was also tun als Frau*?
Frau* bleiben und Mutter sein ist oft nicht einfach. Ich rate Frauen*, sich genau mit dieser vermeintlichen Diskrepanz auseinanderzusetzen. Was bedeutet es für mich, eine lustvolle Frau* zu sein und was erwarte ICH von mir als Mutter? Hier spielen erlernte Glaubenssätze und Werte eine große Rolle. Sex obwohl das Baby daneben schläft? Undenkbar oder ganz normaler Familienalltag?
Ebenso ist es wichtig, dass Frau* sich mit ihrem, manchmal veränderten, Körper nach der Geburt „anfreundet“. Frauen* haben es verdient sich selbst weniger streng, dafür mit einem LIEBEVOLLEN Blick zu betrachten und STOLZ auf den eigenen Körper zu sein. Alle Körperteile werden durch regelmäßige Berührungen mehr durchblutet, dadurch werden Empfindungen besser wahrgenommen und verstärk. Kuscheln ist Körperwellness. Auch die Vulva und Vagina, und besonders vernarbte Stellen sollten liebevoll berührt und gepflegt werden (mit natürlichen Ölen). So wird unsere Vulva durchblutet, dies fördert die Wundheilung sowie die Lust- und Erregungsfähigkeit des Genitals.
Tipp: Natürlich darf das auch der/die Partner*in übernehmen :-).
Was also tun als Paar?
Eine der wichtigsten, aber für viele schwierigsten Übungen ist das MITEINANDER SPRECHEN. Seid mutig, erzählt euch von euren Wünschen, aber auch von den Ängsten und Sorgen die ihr in Bezug auf Sex und Geschlechtsverkehr habt. Vor allem bei Schmerzen ist besonders behutsames Vorgehen gefragt und das bedarf ehrlicher Kommunikation. Sex ist lernbar, aber auch verlernbar. Umso länger der Zeitraum der „Pause“ ist, umso schwieriger ist es für viele Paare wieder zueinander zu finden. Die Hürde ist oft zu groß. Manchen Paaren rate ich auch, ganz „unromantisch“, zu „Sex Dates“, die gemeinsam ausgemacht und im Kalender eingetragen werden. „Schatz, am Mittwoch ist es wieder soweit!“ Dadurch bekommt Sex eine Wichtigkeit und erspart Stresssituation im Alltag, in denen eine Person gerne „möchte“ und die andere ablehnt und Enttäuschungen überhandnehmen. Natürlich gibt es auch beim „Sex-Date“ ein Veto Recht, aber oft ist schon die Vorfreude ein feiner Lustanheizer.
Die Expert*innen
Ein angemessenes und feines Beckenbodentraining ist vor allem nach einer Geburt wichtig. Ein schöner Mix aus Spannungsaufbau und ganz viel Entspannung. Das hilft nicht nur der Rückbildung nach einer Geburt, sondern auch der Wiederentdeckung der körpereigenen Lustfunktion. Durch Spannung und Entspannung wird das Becken durchblutet und angeregt. Das Training kann auch eine bestehende Inkontinenz gut behandeln und weiteren Beschwerden vorbeugen.
Bei Schmerzen und Lustlosigkeit ist der Weg zu einem/einer Expert*in lieber früher als später zu raten. Spezialisierte Gynäkolog*innen oder Physiotherapeut*innen, Hebammen, Sexualberater*innen, Psychotherapeut*innen. Wichtig ist die Person, die zu euch passt. Traut euch, seid mutig, Sexualität ist Lebensqualität. Und geht’s den Eltern gut, geht’s auch den Kindern gut.



